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Tanz

In My Body

Bboyizm / Crazy Smooth (Gatineau)

Europapremiere präsentiert in Kooperation mit fabrik Potsdam und Kinneksbond, Centre Culturel Mamer | Fokus Québec | Ohne Altersbeschränkung | Laute Musik

Foto: Manou Broben / Kunstenfestivaldesarts, Bruxelles

Hip-Hop sei ein Tanz des Stolzes und der Befreiung, ein Tanz, in dem man sich selbst zelebriere, erklärt Yvon Soglo alias Crazy Smooth, Choreograf von IN MY BODY. Klingt nach großem Ego? Vielleicht… Und dann ist da auch noch sein Name, auf Deutsch: Unglaublich geschmeidig. Aber das wiederum tritt bereits jenem Klischee entgegen, demzufolge der B-Boy, wie die Breakdance-Virtuosen sich nennen, ein durch und durch harter Kerl ist. Crazy Smooth weiß aus Erfahrung, dass dieses Selbstbild nicht ewig trägt. Schon gar nicht in einer derart athletischen Tanzkultur, deren Fundament die Battles sind und wo die Fassade der Unbezwingbarkeit das Ideal verkörpert.

Denn dies ist der Punkt: Auch B-Boys und B-Girls werden älter. Und dann? Crazy Smooth lädt die junge Generation ein, gemeinsam ihre Tanzkultur zu feiern, Einblicke in ihre Hintergründe zu geben und ihre Präsenz auf der Bühne neu zu definieren. Darum ist die Begegnung der neun B-Boys und B-Girls so leidenschaftlich, mitreißend und voller Optimismus.

IN MY BODY zeichnet ein eindrucksvolles Bild davon, wie eine Tanzkultur über Generationen weiterlebt. Aus individueller Virtuosität wird Gemeinschaft, aus Wettbewerb Zusammenhalt. Getragen von entwaffnend ehrlichen Selbstporträts feiert das Ensemble die Kraft des Miteinanders. Einmal B-Boy, immer B-Boy? Bei aller individuellen Stärke zeigt das Stück, wie weit Zusammenhalt tragen kann. Wenn dann auch noch wunderbare Rhythmen und Lichtspiele hinzukommen: Von Egozentrik keine Spur!

Biografie Crazy Smooth

Crazy Smooth zählt zu den wichtigsten Botschaftern des Streetdance in Kanada. Er ist Choreograf, Tänzer, gefragter Dozent und Juror sowie eine prägende Persönlichkeit der Streetdance-Community. Er ist Gründer und künstlerischer Leiter von Bboyizm, einer vielfach ausgezeichneten Tanzcompagnie, die wesentlich zur Bewahrung und Verbreitung von Streetdance in Kanada und international beigetragen hat.

2004 gründete Crazy Smooth Bboyizm. Seitdem bringt die Compagnie authentischen Streetdance erfolgreich in den professionellen Theaterkontext. Vier abendfüllende Arbeiten – THE EVOLUTION OF B-BOYING, IZM, MUSIC CREATES OPPORTUNITY und IN MY BODY – tourten durch Kanada.

Für die damals noch in Entwicklung befindliche Produktion IN MY BODY erhielt Crazy Smooth 2020 den Clifford E. Lee Award des Banff Centre for Arts and Creativity. Das Stück entstand im Rahmen seiner Langzeitresidenz 2019–2021 am Centre de Création O Vertigo in Montréal. Das Projekt wurde durch den CanDance Network Creation Fund sowie maßgeblich durch den National Creation Fund des National Arts Centre gefördert.

IN MY BODY wurde 2022 mit vier Dora Awards ausgezeichnet: für die herausragende Aufführung im Rahmen der Kopräsentation von Canadian Stage, dance Immersion und TO Live, für die herausragende Originalchoreografie von Crazy Smooth, für die herausragende Ensembleleistung der Tänzer von Bboyizm sowie für herausragende Leistungen im Bereich Design, insbesondere Multimedia und Video von Thomas Payette.

2023 wurde Crazy Smooth bei den Dynastie Awards als Dancer of the Year ausgezeichnet. Die Dynastie Awards zählen in Québec zu den wichtigsten Auszeichnungen für Schwarze Kunst- und Kulturschaffende in den Bereichen Kultur, Unterhaltung und Medien. Darüber hinaus erhielt er 2013 den Touring Performer of the Year Award der Atlantic Presenters Association sowie 2012 den Emerging Touring Artist of the Year Award des Ontario Presenters Network.

Crazy Smooth ist in zahlreichen Städten in Nord- und Südamerika sowie Europa als Tänzer, Dozent, Mentor und Juror bei Wettbewerben und Veranstaltungen tätig.

Pressestimmen zu IN MY BODY

„[Crazy Smooth] räumt mit dem Mythos auf, dass Altern für Tänzer das Ende ihrer Karriere bedeutet.“
(Q, Tom Power, CBC Radio One, 24. Februar 2022)

„Eine kraftvolle multidisziplinäre Performance über den mutigen Kampf gegen die Zeit.“
(Andrew Stuetz, The Toronto Observer, 5. März 2022)

„IN MY BODY zeigt, dass Alter nur eine Zahl ist – und dass es für Tänzer vielleicht nichts Mutigeres gibt, als älter zu werden.“
(Andrew Stuetz, The Toronto Observer, 5. März 2022)

„Ein beeindruckendes Ensemble von Tänzer verschiedener Generationen.“
(Andrew Stuetz, The Toronto Observer, 5. März 2022)

„IN MY BODY ist ein Meilenstein für den Streetdance in Kanada. Crazy Smooth und sein Ensemble verbinden atemberaubende Choreografien mit einer kraftvollen Botschaft über generationsübergreifende Gemeinschaft und Widerstandsfähigkeit. Unser Publikum war von der hohen künstlerischen Qualität der Produktion ebenso begeistert wie berührt. IN MY BODY überzeugt auf ganzer Linie: Der Tanz ist außergewöhnlich, die Produktion auf höchstem Niveau und die Botschaft ermutigend.“
(Brendan Healy, Künstlerischer Leiter, Canadian Stage, 2022)

Interview mit Crazy Smooth

Interview mit Crazy Smooth (2023)

Warum ist es für einen B-Boy oder eine B-Girl besonders schwierig, mit dem Altern des Körpers umzugehen?

Das ist eine menschliche Erfahrung, die wir alle teilen. Für einen B-Boy oder eine B-Girl ist sie jedoch besonders, weil sich ihre Identität – oft ohne dass sie es merken – stark über ihre körperlichen Fähigkeiten definiert. Hinzu kommt die Wahrnehmung durch andere, die großen Einfluss darauf hat, wie man sich selbst sieht.

Ich sage oft: Wenn man eine Karriere im Breaking beginnt, unterschreibt man gewissermaßen einen Vertrag, der einem Superkräfte verleiht. Man kann die unglaublichsten Dinge vollbringen und die Bewunderung anderer auf sich ziehen. Im Kleingedruckten dieses Vertrags steht allerdings auch, dass das nicht von Dauer sein wird. Diese Kräfte werden einem relativ schnell wieder genommen. Wenn das passiert, ist das ein Schock.

Ich selbst hatte in dieser Hinsicht Glück: Die Identität von „Crazy Smooth“ ist eher mit einer bestimmten Präsenz verbunden als mit meinen körperlichen Fähigkeiten. Aber aus der Community wurden mir solche Gedanken oft geschildert. Es gibt einen gewissen Fatalismus und auch Scham darüber, Erwartungen nicht mehr erfüllen zu können. IN MY BODY eröffnet viele unterschiedliche Perspektiven auf das Altern des Körpers. Ausgangspunkt ist meine persönliche Erfahrung, zugleich geht es aber um eine Erfahrung, die wir alle teilen.

Sie bringen drei Generationen von Tänzer auf der Bühne zusammen. Was trägt jede dieser Generationen zur Dynamik der Gruppe bei?

Da sind zunächst die „OGs“, die „Original Generation“, die auch als die Älteren oder die Pionier bezeichnet werden – ohne sie wäre alles nur Zirkus. Ihre Anwesenheit gibt uns Orientierung. Sie sind unsere „lebenden Bibliotheken“. Ihre Erfahrung hat einen Wert, den man nicht beziffern kann. Wir tanzen anders, wenn sie da sind.

Am anderen Ende des Spektrums stehen die Jungen. Sie verkörpern – ähnlich wie in unserer Gesellschaft – eine Form von Hoffnung: Die Möglichkeiten scheinen unendlich. Einschränkungen oder Verantwortlichkeiten lasten noch nicht auf ihnen. Die Lebendigkeit und Energie, die sie in die Gruppe bringen, sind unverzichtbar. Streetdance ist stark von Jugendkultur geprägt. Wir brauchen sie.

Und dann gibt es meine Generation, die dazwischenliegt. Wir bilden die Brücke zwischen den Jungen und den Älteren. Ohne uns entstehen Reibungen. Wir vermitteln den Pionier, dass das Erreichte bewahrt wird, und den Jungen, dass man ihnen zuhört und sie ernst nimmt – zugleich bringen wir sie auch wieder auf den Boden der Tatsachen. Es ist ein Ökosystem, das man überall in der Welt des Streetdance findet und das ich auf die Bühne übertragen wollte. Keine dieser Gruppen kann ohne die anderen bestehen.

Wie kann man die Codes des Streetdance – Kraft, Intensität und Power – bewahren und zugleich Verletzlichkeit zeigen?

Das ist ein großes Tabu. Zur Hip-Hop-Kultur – ebenso wie zum Streetdance – gehört es, sich als der Beste, der Stärkste, der Reichste zu präsentieren. Künstler aus dieser Kultur sprechen nicht gern über Dinge im Leben, die sie verletzlich machen. Bei Tänzer ist es genauso.

Mit zunehmendem Alter wird Bewegung schwieriger. Das ist einfach der Lauf des Lebens, aber darüber wird nicht gesprochen. Ich wollte dieses Tabu sichtbar machen, um nicht das Bild von Perfektion zu reproduzieren.

In der Vorstellung vollbringen wir unglaubliche körperliche Leistungen zur Musik – und dann stoppt die Musik. Plötzlich hört man, welche körperliche Anstrengung die Tänzer leisten, und man bekommt die inneren Kämpfe mit, die sie ständig begleiten. Sie kämpfen mit ihren Gliedmaßen, mit ihren Gelenken. Dabei entsteht eine eigene Schönheit – im Rhythmus von Berührung und Atmung eines Körpers, der darum ringt, sein Intensitätsniveau aufrechtzuerhalten.

Genau dort liegt die Verletzlichkeit, dort zeigt sich offen, was tatsächlich „in my body“ geschieht.

Was bedeutet das ghanaische Wort „Sankofa“, das für die Dramaturgie des Stücks zentral ist?

Sankofa bedeutet die Weitergabe von Tradition. Wörtlich lässt sich das Wort aus dem Twi, einer in Ghana gesprochenen Akan-Sprache, mit „in der Vergangenheit suchen“ übersetzen. Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und bauen auf dem auf, was sie geschaffen haben, um das Kommende zu gestalten. Nur so kann ein Ökosystem im Gleichgewicht bleiben.

Niemand entkommt den Reibungen des Älterwerdens. Sankofa bedeutet deshalb auch Akzeptanz. Das Älterwerden anzunehmen, bringt eine gewisse innere Ruhe. Es ist eine Form von Freiheit.

Einer meiner Mentoren, Tedd Robinson, erzählte mir einmal die Metapher vom Pianisten. Am Anfang liest der Pianist seine Noten. Mit der Zeit vergisst er die Partitur und spielt einfach. Diese Frequenz, dieser Zustand des Seins, in dem man spielt, ohne nachzudenken, ist der Zustand des gegenwärtigen Moments.

Das ist auch das, was ich „izm“ nenne – daher der Name meiner Compagnie Bboyizm. Diesen vollkommenen Zustand des Seins versuche ich immer wieder zu erreichen.

Quelle: FTA – Festival TransAmériques

https://fta.ca/fr/nouvelles/entretien-avec-crazy-smooth-2023

Credits

Choreografie Crazy Smooth Choreografieassistenz + Probenleitung Saxon Fraser Tanz Crazy Smooth, DKC Freeze, Tash, Nubian Néné, JC Fresh, Montuu, Savage Rock, JK-47, Ange, Anyo (zweite Besetzung) Künstlerische Beratung Melly Mel  Musik DJ Shash’U Autor Alejandro Rodriguez Kostüme Sonya Bayer & Melly Mel Dramaturgische Beratung Sophie Michaud Licht Chantal Labonté Programmierung Charles-Éric Gandubert (Interaktive Box) Multimedia Thomas Payette (mirari) Video Vincent Papineau Bühne Xavier Mary (mirari) Technische Leitung + Produktion Achille Martineau Tourmanagement A.J. Morra Internationale Vermarktung Maison Verso Gastspielförderung Conseil des arts du Canada (CAC), Conseil des arts et des lettres du Québec (CALQ), Vertretung der Regierung von Québec in Berlin Kreation University of Alberta, Timms Centre for the Arts, 4. März 2022

Produktion Centre de Création O Vertigo (CCOV), mit Unterstützung von National Arts Centre’s National Creation Fund Koproduktion Bboyizm, The CanDance Network Creation Fund, Banff Centre for Arts and Creativity, Brian Webb Dance Company, Yukon Arts Centre, Dance Immersion, Canadian Stage Förderung Conseil des arts du Canada (CAC), Conseil des arts et des lettres du Québec (CALQ)

https://www.bboyizm.ca

In my body (Photo: Rita Taylor, Jerick Collantes)

Gastspielförderung

Vertretung der Regierung von Québec in Berlin

Hauptförderer

Die euro-scene Leipzig wird institutionell gefördert von der Stadt Leipzig, Kulturamt und durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus. Mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.